Exzellenz macht einsam

Der Blog Strategy Insights von Markus Hensel behandelt aktuelle Themen der Unternehmensführung, inspiriert von der Praxis und stets mit einem persönlichen Blick auf die Herausforderungen und Chancen der Geschäftswelt.
April 9, 2026

Wenn Leistung irritiert

In einer westlichen Welt, die über Jahre Stabilität und Wohlstand organisiert hat, ist Exzellenz zu einem Fremdbegriff geworden. Sie lebt im sozialen Exil.

Durchschnittlichkeit stabilisiert sich selbst. Und sie zieht Unterdurchschnittlichkeit nach sich. Ihre Anhänger profitieren von einem System, das mit moderater Leistung ein auskömmliches Leben ermöglicht.

Die Idee, eigene Talente unter Entbehrung und hohem Einsatz auf ein individuelles Top-Niveau zu führen, ist heute nicht besonders attraktiv. Sie wirkt überzogen, teilweise sogar unsozial.

Exzellenz stört

Nicht, weil sie falsch ist, sondern weil sie Unterschiede sichtbar macht.

Hier stehen wir als Gesellschaft und damit auch als Wirtschaftsstandort.
Mit unendlichem Reichtum wäre das kein Problem. Doch auch Notenpresse und Quantitative Easing verschieben nur den Zeitpunkt eines Realitätskonflikts: sinkende Leistungsfähigkeit bei gleichzeitigem Anspruch auf Wohlstand.

Spitzenleistung ist deshalb nicht verschwunden. Sie hat sich nur zurückgezogen.

Sie existiert weiterhin in Bereichen wie Kunst, Sport oder Wirtschaft.
Sichtbar ist sie dort, wo sie nicht permanent relativiert wird.

In der Breite der Wirtschaft zeigt sich eine andere Logik: Organisationen optimieren auf Stabilität und nicht auf Exzellenz. 

Der Fokus auf Absicherung nimmt zu: Prozesse, Gremien, Verantwortlichkeiten und Sprache werden entsprechend ausgerichtet. Vieles davon ist sinnvoll.
In Summe entsteht ein System, das Reibung reduziert.

Die Normalisierung des Mittelmaßes

Exzellenz erzeugt Reibung. Und genau deshalb wird sie reduziert.

Nicht offen, sondern strukturell: durch Prioritäten, durch Bewertungssysteme, durch das, was als „angemessen“ gilt. So verschiebt sich der Maßstab. Nicht abrupt, sondern schrittweise.

Die Förderung von Top-Talenten und der Aufbau echter Fähigkeiten treten in den Hintergrund.
Soziale und mediale Akzeptanz rücken nach vorne.

Das ist kurzfristig stabil, langfristig aber riskant.

In der Folge sinkt die Wettbewerbsfähigkeit. In Deutschland ist diese Entwicklung bereits sichtbar und wird Zeit brauchen, um korrigiert zu werden.

Provokation sticht Inspiration

Mit einer Haltung, die Exzellenz einfordert, wird man nicht automatisch integriert. Im Gegenteil: Man erzeugt Widerstand.

Das ist nachvollziehbar: Exzellenz stellt bestehende Maßstäbe infrage.

Und deshalb zieht sie sich zurück. Aus Organisationen, aus öffentlichen Debatten, aus der Sichtbarkeit.

Sie verliert eine ihrer wichtigsten Funktionen: andere zu inspirieren.

Exzellenz macht einsam. Nicht, weil sie isoliert, sondern weil sie Unterschiede sichtbar macht.

Ich wünschte, es wäre anders.
Es ändert nichts am Befund.

Insights
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Wettbewerb gewinnen durch Strategie und Analyse mit Markus Hensel – Erfolgsfaktoren für Unternehmen.

Markus Hensel

In den vergangenen 30 Jahren habe ich in unterschiedlichen Unternehmen und Rollen gearbeitet. Vieles davon war lehrreich. Nicht alles davon war angenehm.

Mich interessiert weniger, was in Präsentationen steht, sondern was tatsächlich passiert, wenn Entscheidungen unter Druck getroffen werden und warum sie sich oft von ihrem ursprünglichen Ziel entfernen.

Der Blog Strategy Insights ist der Versuch, genau das sichtbar zu machen. Nicht als Theorie, sondern als lebendige Beobachtung.

Wenn sich dabei Gedanken ergeben, die tragfähig sind oder Widerspruch auslösen, freue ich mich über den Austausch.

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