Zuschlag und Abschied – die stille zweite Seite

Der Blog Strategy Insights von Markus Hensel behandelt aktuelle Themen der Unternehmensführung, inspiriert von der Praxis und stets mit einem persönlichen Blick auf die Herausforderungen und Chancen der Geschäftswelt.
Juni 11, 2025

Die stille zweite Seite einer Unternehmensentscheidung

Die Entscheidung eines Kunden für einen Anbieter ist mehr als ein Zuschlag.
Sie ist zugleich ein Abschied von allen anderen Optionen.

Dieser Schritt ist selten Formsache. Er ist häufig entscheidend für den späteren Projekterfolg.

Am Anfang wirkt alles klar

Der Kunde betrachtet mehrere Anbieter, nicht nur aus Compliance-Gründen, sondern weil es um weitreichende Investitionen geht.

Im Zentrum stehen Business Value, Problemlösungskompetenz und das Streben nach strategischen Wettbewerbsvorteilen.
Der Auswahlprozess folgt klaren internen Regularien, ist gut vorbereitet und sorgfältig dokumentiert.

Die Vorstellung einer objektiven Entscheidungsfindung prägt diese Phase.
Es entsteht ein Gefühl von Aufbruch und rationaler Sorgfalt:

Wir treffen eine fundierte Entscheidung, so die Erwartung.

Ein gemeinsames Lagebild entsteht selten

Alle Anbieter bemühen sich, ihr Leistungsversprechen überzeugend darzustellen und die eigene Lösung als überlegen zu positionieren.

Dazu gehören persönliche Gespräche, in denen offene Fragen geklärt und neue Impulse gesetzt werden.

Diese Gespräche verlaufen zeitlich und inhaltlich asynchron, oft mit unterschiedlichen Ansprechpartnern auf Kundenseite. So entsteht beim Kunden kein einheitliches Bild, sondern ein Geflecht aus Eindrücken, geprägt von individueller Wahrnehmung und selektiver Resonanz.

Die interne Kommunikation gleicht diese Vielfalt nur selten aus. Die Idee, „alle sehen dasselbe“, wirkt plausibel. In komplexen Entscheidungsprozessen ist sie es selten.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Selbst innerhalb vertrauter Teams ist das gemeinsame Lagebild oft nur scheinbar konsistent.
Differenzen zeigen sich später, manchmal mit erheblicher Tragweite.

Konsens entsteht nicht von selbst

Gehen wir also davon aus, dass der Kunde ein facettenreiches Bild entwickelt hat und damit auch unterschiedliche Meinungen darüber, welche Lösung die richtige ist. Diese Heterogenität ist kein Mangel, sondern eine natürliche Konsequenz anspruchsvoller Auswahlprozesse.

Die zentrale Führungsaufgabe besteht darin, einen tragfähigen Konsens herbeizuführen, ohne dabei die strategischen Zielsetzungen des Unternehmens zu gefährden.

Denn Konsens bedeutet fast immer Kompromiss. Und nicht jeder Kompromiss ist tragfähig.

Und Trennung schmerzt

Unabhängig davon ist jeder Konsens gleichbedeutend mit Verzicht.

Viele Mitarbeitende müssen sich von ihren favorisierten Lösungen verabschieden: Das ist kein rein sachlicher Vorgang.

Es ist ein Trennungsprozess.
Und Trennung schmerzt.

Dieser Aspekt wird von Anbietern ebenso wie von Kundenverantwortlichen häufig unterschätzt, mitunter mit ernsthaften Folgen.

Fehlendes Einfühlungsvermögen auf Seiten des Anbieters gefährdet den Vertriebserfolg.
Auf Kundenseite führt der Eindruck, übergangen worden zu sein, nicht selten zu passivem Widerstand oder mangelndem Engagement.

Faktoren, die ein Projekt ins Wanken bringen können und das oft früher, als erwartet.

Gerade deshalb sollten Entscheidungen und die damit verbundenen Trennungen mit Empathie und überzeugender Argumentation begleitet werden.
Dies ist ein wesentlicher Beitrag zum späteren Projekterfolg.

Zwischen Wettbewerb und Partnerschaft

Gleiches gilt für die unterlegenen Anbieter. Auch sie verlassen das Verfahren mit ihren Ideen, Konzepten und Lösungswegen.
Der Kunde verliert dadurch Optionen, während zugleich seine Verantwortung für die getroffene Wahl steigt.

Nicht alles, was verliert, verschwindet.

Keine angenehme Situation. Die letzten Schritte eines langen Auswahlprozesses sind daher oft spannungsgeladen.

In dieser Phase zeigt sich, welcher Anbieter mehr ist als ein überzeugender Wettbewerber. Und ob er versteht, dass es nicht nur um den Zuschlag geht, sondern auch um den Abschied. Und wer in der Lage ist, diesen Übergang mitzugestalten.

Nicht durch Druck.
Sondern durch Klarheit.

Was danach passiert

Der Zuschlag beendet den Wettbewerb.
Der Abschied wirkt weiter.

Und genau hier, im Übergang zwischen Wettbewerb und Partnerschaft, entscheidet sich, wie tragfähig eine Entscheidung wirklich ist.

Insights
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Wettbewerb gewinnen durch Strategie und Analyse mit Markus Hensel – Erfolgsfaktoren für Unternehmen.

Markus Hensel

In den vergangenen 30 Jahren habe ich in unterschiedlichen Unternehmen und Rollen gearbeitet. Vieles davon war lehrreich. Nicht alles davon war angenehm.

Mich interessiert weniger, was in Präsentationen steht, sondern was tatsächlich passiert, wenn Entscheidungen unter Druck getroffen werden und warum sie sich oft von ihrem ursprünglichen Ziel entfernen.

Der Blog Strategy Insights ist der Versuch, genau das sichtbar zu machen. Nicht als Theorie, sondern als lebendige Beobachtung.

Wenn sich dabei Gedanken ergeben, die tragfähig sind oder Widerspruch auslösen, freue ich mich über den Austausch.

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