Eigenverantwortung formt Balance
Die Frage nach einer ausgewogenen Work-Life-Balance begleitete mich als Angehörigen der späten 1960er-Generation von Beginn an.
Geprägt von einem libertären Geist, in dem Eigenverantwortung und Leistungsbereitschaft als höchste Tugenden galten, wurde mir früh vermittelt: Das Leben ist das, was man selbst daraus macht. Kaltes Wasser war kein Schreckgespenst, sondern ein vertrautes Element, Ausdruck von Selbstbestimmung.
Zu Beginn meines Studiums standen weniger akademische Perspektiven im Vordergrund als vielmehr die Notwendigkeit, Schlüsselkompetenzen zu entwickeln, um nach dem Abschluss als wettbewerbsfähiger Leistungsträger zu bestehen.
Von Work-Life-Balance war keine Rede.
Das Wochenende war ein Rückzugsort, an dem gelegentlich nicht gearbeitet wurde. Viel hat sich daran bis heute nicht geändert. Ich bin nicht unzufrieden, aber reich an Erfahrungen, darunter auch zwei mittelgradige Burnouts.
Be careful what you’re asking for.
Eine andere Haltung zur Zukunft
Mein Sohn studiert heute mit großer Leidenschaft Maschinenbau und blickt mit einer ganz anderen Haltung in die Zukunft.
Die Frage nach einem Sicherheitsnetz stellt sich für ihn kaum. Mit spielerischer Leichtigkeit und gleichzeitig ernsthaftem Engagement erkundet er, was möglich ist und was ihm Freude bereitet.
Aus meiner damaligen Perspektive wirkt das fast fremd.
Und doch erscheint es mir heute so gesund, so reif, so lebensbejahend.
Work-Life-Balance klingt richtig
In der Praxis ist sie oft lebensfern: Warum diese Trennung zwischen „Work“ und „Life“?
Ist Arbeit etwa kein Teil des Lebens?
Bin ich während der Arbeit nicht lebendig und erwache erst wieder zum Leben beim Verlassen des Firmengeländes?
Die Trennung wirkt konstruiert.
Zwei Wege, sich selbst und andere zu täuschen
Dieses ursprünglich sinnvolle Konzept wird heute häufig verzerrt.
Der Leistungsmaximierer propagiert Work-Life-Balance als gesellschaftliches Ideal und verschiebt das Gleichgewicht in der Realität konsequent zugunsten der Arbeit. Vorhersehbar.
Der Anspruchsvermeider nutzt das Konzept zur Rechtfertigung von Trägheit und betont, dass ohnehin schon mehr geleistet werde, als verlangt sei. Ebenso vorhersehbar.
Eine andere Haltung zum Leben
Doch es gibt eine dritte Gruppe: Menschen, die mit Leidenschaft und Freude das tun, was sie tun, ohne je über Work-Life-Balance nachzudenken.
Sie handeln aus innerem Antrieb, nicht aus Pflichtgefühl. Sie arbeiten, weil sie es wollen.
Und lassen es, wenn sie es nicht wollen. Ein Ausdruck echter Freiheit und Selbstbestimmung.
Worum es eigentlich geht
Die Trennung zwischen Arbeit und Leben ist künstlich.
Wer arbeitet, lebt.
Wer lebt, entscheidet, wie er arbeitet.
Die Frage ist nicht Balance.
Die Frage ist: Wofür stehst du auf?
Und was ist es dir wert?
Die Balance fügt sich deinen Entscheidungen.



0 Kommentare